Gründerin der Gemeinschaft

Anastasiia Tij - Gründerin von „Vibe Südfrankreich“

Anastasiia Tij (auch Anastasiia Korshunova) gründete „Vibe Südfrankreich“, die Gemeinschaft der Russischsprachigen im Süden Frankreichs. Alles begann im Mai 2025 mit einfacher Lust auf Schaschlik. Sie lebt in Montpellier und Toulouse. Zum ersten Ausflug dachte sie an 10-15 Freundinnen - es kamen 80 Leute mit Kindern.

9 Min. Lesezeit

Anastasiia Tij, Gründerin von „Vibe Südfrankreich“, Porträt bei Sonnenuntergang

Ab hier erzählt Anastasiia selbst.

Ein bisschen über mich

Ich komme aus Jaroslawl - einem kleinen Provinzstädtchen, wie ich es nenne. Dort heißt ein Dreiliterglas „баллон“, also Ballon, und der Wischmopp „лентяйка“, die Faulenzerin. Das Städtchen sieht übrigens gut aus und hat einen Stammbaum: Hier entstand mit dem Wolkow-Theater das erste russische Berufstheater, und hier steht Jaroslaw der Weise - derselbe, der uns vom 1000-Rubel-Schein angeschaut hat.

Gelernt habe ich wie alle. Eine ganz normale Schule, dann eine Fachschule, wo man mir Informatik beibrachte, dann eine Hochschule für Finanzen und Wirtschaft, schon im Fernstudium - ich arbeitete da bereits.

Was mir die Arbeit beigebracht hat

Mit achtzehn fing ich an, in einer großen Firma, die Bastelsets für Kinder herstellte. An dieser Stelle erlaube ich mir eine Verbeugung vor meinem ersten Chef: Er gab mir eine Chance und zeigte mir, dass man schnell wachsen kann.

Angefangen habe ich ganz am Rand der Landkarte - in Tschukotka. Die ersten Kartons mit Bastelsets flogen mit dem Flugzeug dorthin, das letzte Stück mit dem Hubschrauber, und wie ich diesen Vertrag durchbekommen habe, weiß ich bis heute nicht. Aber es hat geklappt: Irgendwo am Ende der Welt bekamen Kinder ihre Bastelsets. Mit zwanzig arbeitete ich schon mit den ersten landesweiten Handelsketten, und die Strecke von Tschukotka bis Moskau machte mir keine Angst mehr.

Dann kam eine andere große Firma. Ich fing dort als Assistentin der Geschäftsführung an und ging als leitende Managerin für Handelsketten - Key Account Managerin, wie man im Westen sagt. Mehr als zehn Jahre: landesweite Ketten vom europäischen Teil Russlands bis nach Fernost, Aufträge von Partnern der Olympischen Winterspiele in Sotschi, fast alle großen Projekte des Hauses.

Im Alltag hieß das: Einmal im Jahr mit den Einkäufern am Tisch sitzen und die Konditionen für das ganze nächste Jahr aushandeln - Boni, Marketing, wie und wann geliefert wird. Kollektionen für das Format einer bestimmten Kette entwerfen und technische Vorgaben für die Produktion schreiben. Für jeden Kunden eine Reserve halten und die Lieferungen so rechnen, dass das Regal zur Saisonspitze nicht leer steht. Die offenen Forderungen im Blick behalten. Meinen Sachbearbeitern und Assistentinnen beibringen, dass jede Kette bei Papieren und Fristen ihre eigenen Launen hat. Und auf Messen fahren, um Neues zu zeigen.

Wenn ich zurückschaue, sehe ich: Das Leben hat mir den Koffer für die Auswanderung schon vorher gepackt. Verhandeln, rechnen, Leute zusammenbringen, keine Angst vor Entfernungen - genau das habe ich später aus diesem Koffer geholt, in einem Land, dessen Sprache ich nicht konnte.

Anastasiia Tij mit einer Angel auf einer Brücke bei Sonnenuntergang

Wie ich nach Frankreich kam

Nach Frankreich haben mich familiäre Umstände geführt. Bleiben wollte ich nicht - und bin geblieben. Danach kam, was alle durchmachen: Papiere, Warten, wieder Papiere. Frankreich öffnet niemandem beim ersten Klopfen die Tür, mir auch nicht: Das Warten zog sich über dreieinhalb Jahre.

Französisch konnte ich überhaupt nicht, kein einziges Wort. Im Süden verabschiedet man sich beim Aussteigen aus dem Bus vom Fahrer: „au revoir“. Nur verschlucken die Franzosen die Hälfte der Laute, und mein Ohr fing bloß ein „uwa“ auf. Also sagte ich genau das - ich steige aus und verabschiede mich: „uwa!“. Die Fahrer haben laut gelacht, und ich verstand nicht, was daran falsch war.

Dann nahm mich die Universität Paul-Valéry in ihre Französischkurse auf, und ich begann bei A1 - beim Alphabet. Fünf Semester. Verloren habe ich diese Jahre nicht: Ich habe die Sprache gelernt, anderthalb Jahre ehrenamtlich bei einer karitativen Lebensmittelausgabe mitgeholfen - annehmen, einsortieren, ausgeben - und gewartet.

Wie Visum und Aufenthaltstitel im Allgemeinen funktionieren, erklärt die Website im Bereich „Umzug nach Frankreich“: Dort stehen die allgemeinen Regeln, nicht die persönliche Geschichte eines Menschen.

Anastasiia Tij an der Uferpromenade am Meer bei Sonnenuntergang

Wie „Vibe Südfrankreich“ entstanden ist

Damit ich nicht kopfüber in eine Depression rutsche, fing ich in dieser Zeit an, Treffen für Leute wie mich zu organisieren. Auswandern zwingt einen, sich komplett umzukrempeln, besonders ohne Sprache: Man denkt wie ein Erwachsener und bringt Kindersätze über das schöne Wetter heraus. Deshalb verstehe ich alle, die gerade auf diesem Weg sind: Leicht ist es nie, ganz gleich, wie gut man vorsorgt und wie weich man sich bettet.

Mein erstes Projekt war ein Ausflug auf den Campingplatz. Es war Mai, und wir hatten riesige Lust auf Schaschlik. Wer im Süden lebt, weiß: Hier darf man nicht einfach irgendwo ein Feuer machen, man braucht einen Ort, an dem es erlaubt ist. Ich dachte mir: Wir Mädels treffen uns, mieten ein Häuschen auf dem Campingplatz und grillen. Ich rechnete mit zehn, fünfzehn Leuten. Gekommen sind achtzig - mit Kindern.

So bin ich in unsere Gemeinschaft hineingerutscht und nicht mehr losgekommen. Zuerst war es ein Chat derer, die auf diesem Campingplatz waren, ungefähr sechzig Leute. Heute sind wir im Chat der Russischsprachigen in Südfrankreich mehr als 700, und daraus wachsen Picknicks, Masleniza-Feste, Karaoke, Konzerte und Partys - alles, was schon war, steht im Eventkalender.

Anastasiia Tij mit einem Topf Schaschlik

Wozu das alles

Ehrlich gesagt: zuerst, um selbst nicht unterzugehen. Später habe ich verstanden, dass das Ziel von Anfang an größer war - Menschen helfen, im französischen Leben Wurzeln zu schlagen, nicht zu versauern und diesen Weg leichter zu gehen, als ich ihn gegangen bin. Ein umgepflanzter Baum treibt erst Wurzeln und dann Zweige. Beim Menschen ist es genauso: Je früher er hier Boden unter den Füßen hat, desto früher wächst er.

1943 schrieb die französische Philosophin Simone Weil in London an ihrem Buch „L’Enracinement“, auf Deutsch „Die Einwurzelung“, und darin steht der Satz: „Die Einwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“ Genauer kann man es nicht sagen.

Ich leite die Gemeinschaft, und am meisten wünsche ich mir eines: dass Menschen sich zusammentun und einander helfen. Dass sie lernen, einander zu sehen - miteinander reden, zuhören, einander unter die Arme greifen, wo es in ihrer Kraft steht. Und dass jeder für sich seine Talente entdeckt und sie ganz und gar einsetzt. Dass Menschen in jedem Land und in jeder Stadt bleiben, wer sie zu Hause waren, oder sogar darüber hinauswachsen. Auswandern bietet sehr viele Möglichkeiten. Ja, am Anfang ist es schwer. Aber die Kraft findet sich, und man geht weiter.

Wie wir heute leben

Heute bin ich nicht mehr allein: Um mich herum ist ein ganzes Team von Leuten, die in dieselbe Richtung schauen und etwas hineingeben wollen. Selbst wer nur ein einziges Mal zu uns kommt, geht mit Freunden nach Hause. Paare finden sich, das Gespräch hört nicht mit dem Treffen auf, und Familien freunden sich mit Familien an.

Die Leute kommen mit ganz unterschiedlichen Anliegen: Der eine braucht einen Tipp bei Fragen rund um Papiere und Recht, die andere Arbeit, der Nächste eine Wohnung, und manche einfach Gesellschaft oder Halt. Und die Gemeinschaft ist der Ort, an dem Menschen einander finden: Einer hat eine Frage, ein anderer die Antwort, und sonst wären sich die beiden nie begegnet. Gegenseitige Hilfe, Unterstützung, Verständnis - darin liegt wohl unser ganzes Motto.

Außerdem machen wir Ausflüge mit Übernachtung in einer Villa - so lief zum Beispiel die „Mafia zweier Städte“ in der Villa im August 2026. Wenn Sie Ihr eigenes Event auf die Beine stellen oder mit uns in einer Villa wohnen möchten, schreiben Sie in den Chat der Gemeinschaft oder an die E-Mail-Adresse des Projekts - dann reden wir darüber. Wie das in der Regel abläuft, steht auf der Seite Gemeinsam organisieren.

Anastasiia Tij mit Jeanshut an einem Sommertag

Unsere Regeln

Wir reden weder über Politik noch über Religion noch über das Privatleben anderer: Das ist bei uns tabu. Solche Nachrichten werden im Chat gelöscht, bei den Treffen kommen diese Themen nicht vor. Statt zu streiten, bringen wir einander bei, neu Freundschaft zu schließen, neu zuzuhören, neu zu leben und einander neu zu vertrauen.

Wie ich unsere Zukunft sehe

Ich wünsche mir, dass die russischsprachige Gemeinschaft im Süden wächst und dass alle, die erst vor Kurzem angekommen sind, auf die Beine kommen. Gemeinsames Silvester, gemeinsame Masleniza, gemeinsam ans Meer. Dass die Kinder befreundet sind und die neue Generation in Frieden aufwächst. Dass Verbindungen zwischen Menschen aus ganz verschiedenen Kreisen entstehen - beruflichen, gesellschaftlichen, welchen auch immer. Je mehr wir sind und je verschiedener, desto reicher sind wir selbst.

Das klingt schön, aber dahinter steht Wissenschaft. Mark Granovetter untersuchte in seiner Arbeit „Die Stärke schwacher Bindungen“ (1973), wie Fachleute aus einem Vorort von Boston eine neue Stelle gefunden hatten: Von denen, welchen ein Bekannter geholfen hatte, sahen fünf von sechs diesen Bekannten nur ab und zu. Nicht die engen Freunde, sondern die schwachen Bindungen führen in fremde Kreise, in denen es gibt, was im eigenen fehlt. Und Lu Hong und Scott Page zeigten 2004 an einem mathematischen Modell, dass unter bestimmten Bedingungen eine zufällig zusammengestellte Gruppe unterschiedlicher Problemlöser eine schwierige Aufgabe besser bewältigt als eine Gruppe der Fähigsten: Die Fähigsten ähneln einander zu sehr. Die sechzig Leute unseres ersten Chats waren also reicher, als sie selbst dachten, und die 700+ von heute erst recht.

An einem Abend zum 8. März habe ich zu den Mädels gesagt: Eine Frau, die auswandert, egal aus welchem Grund, wird ein bisschen anders und sieht die Welt mit anderen Augen. Die Männer übrigens auch. Die Auswanderung drückt einen für eine Weile gleichsam tiefer, als man vorher stand. Aber wenn einem die Kraft bleibt und eine Hand da ist - keine rettende, einfach eine freundschaftliche -, dann steht man schnell wieder auf und wächst höher als zuvor. Marina Zwetajewa hat vor über hundert Jahren, 1920, ihr Gedicht „Кто создан из камня, кто создан из глины…“ („Der eine ist aus Stein geschaffen, der andere aus Lehm…“) so beendet:

Дробясь о гранитные ваши колена, Я с каждой волной — воскресаю! Да здравствует пена — весёлая пена — Высокая пена морская!

Sinngemäß: An euren Knien aus Granit zerschelle ich und stehe mit jeder Welle wieder auf - es lebe der Schaum, der fröhliche, hohe Meeresschaum.

Meine Geschichte ist nicht gerade gewöhnlich, aber auch nicht die schwerste. Ich kenne sehr viele Auswanderergeschichten, bei manchen bricht einem das Herz, und über fast jeden von uns könnte man ein Buch schreiben oder gleich einen Film drehen. Aber unsere Gemeinschaft schaut nach vorn - dorthin, wo wir gemeinsam wachsen. Deshalb: Kommen Sie zu uns in den Chat der Russischsprachigen in Südfrankreich.

Warum es um Südfrankreich geht

Das sind jetzt die Worte des ganzen Teams. Egal, welche Nationalität und welchen Status Sie haben: Bei uns finden Sie Menschen, die ähnlich ticken, und Antworten auf Ihre Fragen. Jeder Auswanderer geht einen ähnlichen Weg und stolpert über ähnliche Steine. Wir erinnern uns an diese Steine und helfen anderen, sanfter hindurchzukommen.

Und der Süden - weil der Umzug hierher nach unserer Erfahrung schwerer fällt: viel Bürokratie, unsere Leute sind über viele Städte verstreut, und Arbeit fällt einem nicht in den Schoß.

Wie das Projekt aufgebaut ist und wer diese Website macht, erzählen wir auf der Seite „Über das Projekt „Vibe Südfrankreich““. Einen Brief an Anastasiia schreiben Sie an die E-Mail-Adresse des Projekts: .

Häufige Fragen

Wer hat „Vibe Südfrankreich“ gegründet?
Gegründet hat „Vibe Südfrankreich“ Anastasiia Tij (auch bekannt als Anastasiia Korshunova). Sie lebt in Montpellier und Toulouse und leitet die Gemeinschaft der Russischsprachigen in Südfrankreich, die im Mai 2025 mit einem Grilltreffen auf einem Campingplatz begann. Heute steht ein ganzes Team um sie: Leute, die in dieselbe Richtung schauen und etwas hineingeben wollen.
Wie erreiche ich Anastasiia?
Schreiben Sie in den Chat der Gemeinschaft t.me/vibe_sud_france oder Anastasiia direkt auf Telegram: @KAO_13 ist ihr Arbeitskonto. Für Briefe gibt es die E-Mail-Adresse des Projekts, sie steht unten auf jeder Seite der Website.
Wie hat die Gemeinschaft angefangen?
Mit einem Ausflug auf einen Campingplatz im Mai 2025. Alle hatten große Lust auf Schaschlik, und in Südfrankreich darf man nicht einfach irgendwo ein Feuer machen. Anastasiia wollte ein paar Freundinnen zusammentrommeln und ein Häuschen für 10-15 Leute mieten - gekommen sind 80 Leute mit Kindern. Zuerst war es ein Chat mit rund 60 Leuten, dann kamen Picknicks, Masleniza-Feste, Karaoke, Konzerte und Partys.
Welche Regeln gelten bei „Vibe Südfrankreich“?
In der Gemeinschaft wird weder über Politik noch über Religion noch über das Privatleben anderer gesprochen: Diese Themen sind tabu. Solche Nachrichten werden im Chat gelöscht, bei den Treffen kommen sie nicht vor. In Anastasiias Worten: „Statt zu streiten, bringen wir einander bei, neu Freundschaft zu schließen, neu zuzuhören, neu zu leben und einander neu zu vertrauen.“
Sind Anastasiia Tij und Anastasiia Korshunova dieselbe Person?
Ja. Anastasiia Tij ist auch als Anastasiia Korshunova bekannt. Sie ist die Gründerin von „Vibe Südfrankreich“, der Gemeinschaft der Russischsprachigen in Südfrankreich.

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